Der Blick auf die Vergangenheit ändert sich mit den Ereignissen der Gegenwart, weil eine Veränderung neue Begründungszusammenhänge offenbart. Vergangene Ereignisse werden neu verstanden und erfahren eine Begründung, weil eine neue Situation aus den Fängen der Vergangenheit herausreißt.
Zuweilen hält auch eine Umgebung oder ein Personenkreis die Vergangenheit so wach, daß das Handeln unmöglich wird oder verhindert wird. Denn es werden Aussagen aus der Vergangenheit als handlungsrelevant für die Gegenwart angesehen.
Wer die Handlungsrelevanz der Vergangenheit auf die Gegenwart überträgt, der handelt nicht, sondern vollstreckt, weil er die Handlungsnotwendigkeiten der Gegenwart nicht wahrnimmt. Wer sich vom Vollstrecken abwenden will, der muss sich auf die Anforderungen der Gegenwart konzentrieren und die Ereignisse der Vergangenheit als abgeschlossen betrachten, damit er frei handeln und frei entscheiden kann. Wo die Vergangenheit als Last empfunden wird, muss der Bruch vollzogen werden, damit im Bruch die Distanz zur Vergangenheit hergestellt wird, die die Vergangenheit erst interpretierfähig macht.
Jedes vergangene Ereignis, das nicht mehr unmittelbar in die Gegenwart hineinreicht oder im Vollzuge steht, hat seine Wirkung entfaltet, so daß keine Handlungsnotwendigkeit mehr gegeben ist, denn das Ereignis konnte nur in einem bestimmten Wirkungszusammenhang geschehen. Dieser kann jetzt nur noch gedeutet werden.
Wer in der Vergangenheit Voraussagen über die Zukunft machte, die nicht in einer bestimmten Zeit eintraten, der hat eher Vermutungen angestellt, so daß solche Aussagen ihre Relevanz verlieren, denn unter bestimmten Zusammenhängen welcher Art auch immer werden je andere Erwartungshaltungen geäußert.
Wer heute eine Mutmaßung über die Zukunft äußert, äußert sie unter den Gegebenheiten der Gegenwart und unter der Annahme, die Welt entwickle sich so weiter wie heute. Dabei werden unerwartete Möglichkeiten als undenkbar ausgeschlossen und von der Ewigkeit der je eigenen Existenz ausgegangen. Oft verbergen sich hinter Annahmen über die Zukunft individuelle Träume und Wünsche, die jeder Realisierbarkeit entbehren. Denn wer die Zukunft gestalten will, der muss sich für sie engagieren, indem er entwirft und verwirft.
Wer je in der Vergangenheit lebt oder verpassten Gelegenheiten nachtrauert, vergibt Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten in der Gegenwart. Denn nur wer im heute lebt und die Ereignisse eines Tages bewusst miterlebt und mitvollzieht, wird die Veränderbarkeit und Veränderlichkeit des Lebens wahrnehmen und sein Leben aktiv gestalten.
Die Vergangenheit ist nur noch Gegenstand der Deutung und des Verstehens, aber nicht des Handelns, denn sie ist vollendet und wird nur noch sichtbar in Krisenzeiten der Gegenwart. Wo diese Krisen fehlen oder verschwinden, dort wird kein Gedanke an die Vergangenheit verschwendet, weil das Handeln und das Engagement in der Gegenwart je neue Herausforderungen darstellen.
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